Nachdenkliche Lyrik

    Bevor ich sterbe

    So vieles wollt’ ich sagen,
    da ich nicht wiederkehr’.             
    doch fast alle Lebensfragen
    überfordern mich zu sehr.


    Soll will ich mich beschränken,          
    auf was ich sicher weiß:
    Willst du dein Leben lenken,         
    bleibt dir nur Hast und  Schweiß.

    Das einzige, was bleibt,                     
    sind deine Liebesgaben.                      
    Sie werden durch die Einsamkeit     
    das Leben anderer tragen.


    S. Kessler (1999)

     



    Gedanken zur Leitkultur

    Die öffentliche Diskussion                                      
    erhitzt sich nun seit langem schon:                       
    Durch Chaos, Norm und Wert bedrängt,                 
    wer Kultur pluralistisch denkt.
    Denn Richtmaß, Leitbild, Sinn und Ziel
    bestimmt des Landes Lebensstil.
    So weit, so gut, doch eines nur:

    Was gilt als „deutsche Leitkultur“?

    So überleg‘ ich hin und her,                         
    denk’ an Rousseau, van Gogh, Homer;      
    doch kommt der Mut mir gleich abhanden,
    denn keiner stammt aus deutschen Landen.


    Da seh’ ich klar, ich Ignorant,            
    Genies wie Humboldt, Bach und Kant.   
    Auf Einsteins Formeln, Goethes Schriften   
    kann keine Weltkultur verzichten!


    Die Erkenntnis, die geweckt,     
    hat Forschergeist nun angesteckt.
    Und so versuche ich, die Boten
    der Erstlingsschöpfung auszuloten.

    Jede Form der Wissenschaft    
    wurzelt tief in Hellas‘ Kraft.      
    Zahlen-, Sprach- und Notenkunst
    blühen auf dank Musengunst.         


    Und abermals muss ich erkennen,
    dass ohne griechisches Ersinnen
    Goethes geistvollem Verkehr         
    das Fundament entzogen wär’.

    Ich frage, da mein Blick geweitet,
    welche Kultur hier wirklich leitet?
    Denn zur Veredlung nur gelangt,
    was schon im Geiste hat Bestand.


    So lob ich der Geschichte Lauf,
    denn ohne sie kein Sinnenschmaus                           
    und ehre still und weit gereist         
    der Wurzel Frucht: Europas Geist.


    S. Kessler   (2004)



    Philosophie des Puzzlespiels

    Der Puzzler wird von Ignoranten oft belächelt,      
    wie er verzückt vor einem Chaos steht                  
    und mit Geduld und unvermittelt                                    
    Teil an Teil und Stück um Stück anlegt.

    Doch welche Ähnlichkeiten bei näherer Betrachtung
    ergeben sich von weitreichendem Rang                            
    für die lebendig-geistige Verfassung                                 
    des Strebens zwischen Freiheitslust und Zwang!


    Denn wie die Gliederung des Puzzlesaumes                      
    am Anfang jeder Zusammenfügung steht,                
    beginnt der Weg am Grenzwall des Gefahrenraumes,                                                        
    der erst erscheint, wenn deutlich festgelegt.

    Der Nebel weicht im zunehmenden Maße,                    
    je mehr verknüpft, gefügt und strukturiert.                 
    Ein lang gesuchtes Teil, gesetzt an rechtem Platze 
    ganz neue Perspektiven dann gebiert.


    Das ganze Puzzle tritt nur ins wahre Licht,            
    wenn jedes Fragment, jedes Stück im Bunde 
    formrein und farblich der Vorsehung entspricht    
    und planvoll dient in anvertrauter Runde.

    Die Mühsal von einzelner Hände Tat                      
    treibt ankerlos auf unbestimmten Bahnen.            
    Erst durch Einordnung schließt sich die Naht         
    des Bündnisses von Schöpferkraft und Rahmen.

    Ein letztes Teil, auch noch so unscheinbar,           
    gibt dem Werk die entscheidende Bestimmung     
    und macht’s zu dem, was es schon vorher war:    
    ein stilles Bild in schweigender Vollendung.


    S. Kessler  2004




    Der Mensch

    Der Mensch ist ein getrieb’nes Tier,    
    das Leiden schafft, solang es strebt,     
    da seine Leidenschaft und Gier             
    ihn tief ins Faserwerk verwebt.

    Er sucht und sehnt sich nach dem Glück   
    und irrt voll Wahrheitssinn umher,          
    doch findet nicht den Weg zurück,            
    sein Temperament, es schwelt zu sehr.


    So brennt er laut, die Flamme sprüht, 
    doch sieht er schon: Das Ziel ist nah!        
    Er zügelt sich – denkbar verfrüht,          
    was maßlos war, wird offenbar.


    Schon stirbt er ab und krümmt sich klein,                                                               
    will allem Walten weit entflieh’n.                                                                            
    Doch fügt sich so zur Mitte ein,                                                                                
    was aus der Asche wird ersteh’n.

    S. Kessler   2006



    Irgendwer, irgendwo

    Du fühlst, von Fülle weit entfernt,              
    dich tief im Innern wie entkernt,         
    erkennst kein sinnvoll’ Walten.                   
    Du fischst im Trüben, nabeltief,             
    ziehst klagend aus dem seichten Mief        
    nur taumelnde Gestalten.


    Die Zeit vergeht, der Sinn wird stumpf,              
    die Lebenskraft: geschrumpft zum Rumpf,          
    es fehlen Hand und Fuß.                                    
    So suchst du still nach Licht und Lust                
    und findest nur erhab’nen Frust.
    Es bleibt ein ferner Gruß.


    S. Kessler   2007



    Der Türöffner

    Durch tiefe Höhlen, grelle Sonnen,      
    wilde Stürme, finst’re Nächte                    
    irrt er blind und unbesonnen,           
    stummer Spielball dunkler Mächte.

    Erdrückt von selbst gewähltem Leid,       
    nach aussichtslosem Kampf erlegen, 
    verneint er müd’ in Einsamkeit                       
    den trotzig abgelehnten Segen.


    Doch du befreist, erhebst ihn leise,        
    umarmst ihn, zeigst ihm seine Kraft.                         
    Du schickst den Geist auf seine Reise                   
    und führst ihn so zur Meisterschaft.


    S. Kessler    2011