Spirituelle Weisheit im Märchen

Auch in unserer rationalen Zeit ist die Faszination, die von den Märchen ausgeht - insbesondere von jenen der Brüder Grimm -, ungebrochen. So werden auch viele Erwachsene noch von der transformationellen Bildersprache eingenommen, einer Sprache, die jede Seele versteht.
Namhafte Autoren wie C. G. Jung und dessen Mitarbeiterin Aniela Jaffé, Erich Fromm, Eugen Drewermann u.a. haben sich mit der tiefenpsychologischen Bedeutungs- dimension der zentraleuropäischen Märchen auseinandergesetzt und Bemühungen unternommen, die ursprüngliche Aussagekraft der Symboliken vor dem Hintergrund antagonistischer Archetypen zu deuten. Bei den meisten zentral- europäischen Märchen würden bis in die Zeit des Matriarchats zurückreichende Weisheiten, die Lebenszyklen begleiten (E. Fromm), psychosexuelle Entwicklungs- stufen (C. G. Jung) eines Mädchens bildhaft verdichtet inszenieren – man denke nur an die symbolhafte, aber dennoch unmissverständlich deutliche Darstellung des „Erwachsenwerdens“ von Dornröschen oder Prinzessin in „Der Froschkönig“. Das Ziel sei immer die Individuation.
Dieser Artikel möchte nun ausgehend von den tiefenpsychologischen Vorüberlegungen noch einen Schritt weitergehen und sich dem esoterisch-spirituellen Bedeutungsgehalt der bekannten Märchen zuwenden.
Es zeigt sich, dass die Handlung der meisten bekannten Märchen von derselben dreiphasigen Handlungsmatrix überspannt wird: Die Ausgangssituation ist von einem ungleichgewichtigen bzw. Mangelzustand, oder positiv ausgedrückt, von einem Impuls gekennzeichnet (man denke hierbei bspw. an den Hunger und die Abwesenheit einer liebevollen Mutter in „Hänsel und Gretel“ oder die Hilflosigkeit mit der Aussicht zu sterben der Müllerstochter in „Rumpelstilzchen“), der die Figuren hinaus ins Leben schickt und somit zu einer Auseinander- setzung mit ihrem Schicksal – oder spirituell ausgedrückt Karma - zwingt. An dieser Stelle beginnen die unterschiedlichen Ausprägungen der Seelenarbeit, schließlich erwarten jeden Menschen eigene Lektionen, die ihn von Inkarnation zu Inkarnation seiner Vervollkommnung immer weiter annähern. Ist die Prüfung bestanden, das Abenteuer erlebt oder das Böse überwunden, endet das Geschehen in der Ganzwerdung der Seele. Die Seele kehrt zu ihrer ursprünglichen Einheit zurück, doch ist sie nun um die Selbsterkenntnis reicher. Das Märchen veranschaulicht diesen Zustand zumeist mit dem Bild eines Schatzes, der gehoben wird oder in der Hochzeit der Heldin mit dem Prinz ihres Herzens.
Die drei Phasen umfassen also erstens den Unruhezustand bzw. die Notwendigkeit der Veränderung – zweitens die Ausdehnung unter der Auseinandersetzung mit widerstreitenden seelischen Mächten - drittens die Reintegration des Abgespaltenen. Als Ergebnis entsteht aus der Einsicht in die kosmischen Gesetze und Allverbundenheit die Selbst- bzw. Gotteserkenntnis. Denken, Fühlen und Handeln der vollständig individuierten, innerlich befreiten Persönlichkeit werden im größtmöglichen Maße vom Höheren Selbst getragen. Analog auf den Schöpfungsakt übertragen entspricht dieses Schema dem Urknall, der Ausdehnung der Raumzeit, bis auf die größtmögliche Weite die Implosion des Alls folgt, wobei sich die Schöpfung nur wieder zusammenzieht, um anschließend erneut zu expandieren: das Ein- und Ausatmen Gottes.   
Doch zurück zur Untersuchung dieser esoterischen Zusammenhänge im Märchen: Die unhaltbaren oder eindimensionalen Zustände zu Beginn der Handlung lösen die Entwicklung aus. Notwendige Wachstumsschritte können nun vollzogen werden, wobei uns das Märchen verschiedene Wege ans Ziel vor Augen führt: Die beiden Kinder in „Hänsel und Gretel“ durchlaufen als Repräsentanten der weiblichen (Yin) und männlichen (Yang) Seelenkraft den Prozess der Vereinigung, indem schattenhafte, unerlöste Seelenanteile, die in den negativen Frauenbildern der lieblosen Stiefmutter und der kinderfressenden Hexe ihren Ausdruck finden, transformiert und somit in die Seele integriert werden. (Die Energie der Hexe geht im Ofen in Flammen auf, wobei die böse Stiefmutter bei der Heimkehr der Kinder quasi als „abgeschwächter Ableger“ der Hexe zwischenzeitlich verstorben ist. Die Familie (Seele) ist nun in Sorglosigkeit und Glück vereint, zumal die beiden Kinder noch einen „Schatz“ mit nach Hause bringen.) 
Die zerstörerischen Kräfte im Gewebe des Unterbewusstseins treten in „Rotkäppchen“ wie auch in „Der Wolf und die sieben Geißlein“ in der Tiergestalt des Wolfes in Erscheinung. In “Rotkäppchen“ ergibt sich die Transformation der zerstörerisch-aggressiven Seelenanteile durch das Erwachen des entsprechenden männlichen Gegenpols, der im Gewand des lebensbejahenden Jägers das Mädchen und dessen Großmutter aus dem Bauch des vollständig vereinnahmenden Elementals befreit. Um in geschlecht- licher Hinsicht der seelischen Dualität Rechnung zu tragen, beweist in “Hänsel und Gretel“ allein das Mädchen in seiner kindlich unschuldigen Qualität den Mut und die Fähigkeit, die destruktiven Mächte ihres (weiblichen) Pols zu handhaben, indem sie die Hexe in den Ofen stößt und darüber hinaus einen Schatz (inneren Reichtum) im Hexenhaus findet.
Eine andere Form der Auseinandersetzung mit den eigenen weiblichen Seelenkräften ist in „Schneewittchen“ festzustellen, da das Mädchen den unheilvollen Eingriffen ihrer bösen königlichen Stiefmutter immer wieder ausgeliefert ist, bis die Überwindung des (weiblichen) Egos (der aus dem Mund fallende vergiftete Apfel) den Sieg der Gesetze des Lebens, des göttlichen Willens anzeigt.   
Die geschlechtliche Polarität spielt hingegen in „Der Wolf und die sieben Geißlein“ keine Rolle. Dafür bedrängt die Seele sich selbst als Wolf in autoaggressiven Anfechtungen, als wollte sie sich selbst in ihrer Standhaftigkeit prüfen. Dabei werden die Verführungskünste des äußeren Angriffs immer weiter verfeinert. Erst beim dritten Anlauf gelingt es dem Wolf, sich zum Haus der Ziegenkinder Zutritt zu verschaffen. Diese karmischen Reibungen fordern sechs Seelenteile als Opfer, die verschlungen werden. Einer jedoch überdauert sozusagen als unzerstörbarer göttlicher Funke die Zeit (das siebte Geißlein versteckt sich im Uhrenkasten) und schafft es so nach diesen schlimmen Erlebnissen, die eigenen abgespaltenen Anteile oder die der Seelenfamilie wieder zu reintegrieren. Sie Selbsterkenntnis wird somit nach der Befreiung unbewusster Energien aus dem Schattenreich, die bisher nach außen projiziert wurden, erlangt. Mit Hilfe der Ziegenmutter wird der Bauch des Wolfes – wie in „Rotkäppchen“ – mit Steinen gefüllt, woraufhin der Wolf in die Erdentiefe eines Brunnens, in die Schwere der Materie versinkt. 
Mit einem anderen - hier magisch-schöpferischen - Elemental, das anfangs ebenfalls unkontrolliert, d. h. unbewusst Einfluss nimmt, haben wir es in „Rumpelstilzchen“ zu tun. Dreimal erhält die Müllerstochter magische Hilfe von einer Art Erdgeist, der, dem Gesetz des Ausgleichs folgend, für jede Hilfsleistung einen Preis fordert. Karmisch betrachtet müssen in Anspruch genommene Dienste energetisch wieder zurückgezahlt werden, vielleicht auch inkarnationsübergreifend. Doch erst als Rumpelstilzchen der Müllerstochter zu einem außergewöhnlichen Aufstieg verholfen hat - sie ist inzwischen Königin - und nun als Gegenleistung ihr erstes Kind fordert (als schwarzmagisches Opferritual?), nötigt der Leidensdruck die Heldin dazu, sich fundamental mit dieser ihr ureigenen priesterlichen Macht auseinanderzusetzen: Indem es ihr gelingt, den Namen des Elementals zu offenbaren (die Erkenntnis seiner wahren Gestalt als Eigenanteil), lernt die Seele praktisch ihre eigenen magischen Fähigkeiten kennen und beherrschen. Durch die Bannung des Unberechenbaren erfährt sie einen enormen Wachstumsschub und sie wird Herr über die eigene Schöpferkraft.   
In diesem Zusammenhang führt uns das Märchen „Tischlein deck dich“ das notwenige Übel eines Zündungsimpulses vor Augen, den die dualistische Schöpfung für die Selbsterkenntnis benötigt: Der Erkenntnis- oder Lichtbringer Luzifer stößt als lügenhafte Ziege der paradiesischen Schlange gleich den Prozess der Selbsterprobung, der Selbsterkenntnis der drei Brüder an. Von einer übergeordneten Warte aus betrachtet danken ihr die drei Jünglinge die Erkenntnis höherer Gesetze, deren Beherrschung die Fülle des Lebens und die eigenen magischen Fähigkeiten erfahren lässt - bildlich dargestellt als magisches Tischlein, Goldesel und wehrhafter Knüppel. Was anfangs als böse und scheinbarer Fluch wahrgenommen wird, entpuppt sich am Ende als Segen, als Einladung zum seelischen Aufstieg.   
Die seelische Vervollkommnung einerseits und das Greifen des karmischen Gesetzes von Ursache und Wirkung oder besser: des Erfahrungsausgleichs andererseits versieht das Märchen „König Drosselbart“ mit eindrücklichen Bildern: Die zu Beginn ihrer Reise noch unreife und egodominierte Seele lehnt es ab, die unerwünschten Abgründe ihrer Persönlichkeit als ihre eigenen zu sehen, sodass sie sie in Verachtung und Spott nach außen projiziert. (Die Königstochter weigert sich zu heiraten, da sie an jedem Kandidaten, insbesondere an König Drosselbart, etwas auszusetzen hat.) Um sie von ihrem Trennungsgedanken, sie sei etwas Besseres und keiner gut genug für sie, zu kurieren, veranlasst der Vater den „Fall“ seiner Tochter (indem er sie mit dem nächsten dahergelaufenen Spielmann verheiratet), auf dass die vom überheblichen Ego geschaffene Energie durch die eigene Erfahrung von Ausgrenzung und Spott sowie Abstieg in die Niederungen des Lebens ihren Ausgleich finde. So lernt die Königstochter den kümmerlichen Haushalt des Spielmanns führen, die körperlich und seelisch schmerzhafte Bearbeitung ihres negativen Karmas. Bei allen Entwicklungsschritten wird sie von ihrem Höheren Selbst geführt, das sie personifiziert als unerwünschter Heiratskandidat, lumpiger Spielmann, als rücksichtsloser Husar und zuletzt als königlicher Bräutigam durch die Schattenintegration leitet. Erst am Tiefpunkt angekommen (die Küchenmagd erntet Verachtung und Spott seitens der Hofgesellschaft als ihr beim Tanz mit dem König ein Missgeschick passiert), erkennt die Seele ihre Allverbundenheit und erst jetzt – innerlich gereift – ist sie in der Lage, den Wert des Lebens zu schätzen. Die Hochzeit mit dem König Drosselbart veranschaulicht treffend die Integration aller Eigenanteile und Eigenschöpfungen, sodass durch die Selbstakzeptanz ein liebe- und verantwortungsvolles Lebens möglich wird. Die esoterische Tradition spricht hier auch treffend von der Chymischen Hochzeit. 
Zusammenfassend ergibt sich also folgendes Untersuchungsergebnis: Die zweite Phase der expansiven Selbstentfaltung führt die Seele ihrem ursprünglichen Heil- d. h. Ganzsein nach einem zumeist schmerzlichen Gesundungsprozess des Seelenschliffs auf einer höheren Ebene wieder zu. Wie eine Spirale schraubt sich die Seele ihrer Vervollkommnung entgegen. Da bekanntlich viele Wege nach Rom führen, kann die Vereinigung aller Seelenkräfte – oder Chymische Hochzeit – auf vielerlei Wegen stattfinden: sei es über die Vereinigung von Yin und Yang (in „Hänsel und Gretel“), die Erprobung (in „Tischlein deck dich“) und Zähmung der eigenen magischen Fähigkeiten (in „Rumpelstilzchen“), durch die Reintegration von verlorenen Seelenanteilen (in „Der Wolf und die sieben Geißlein“ und “Rotkäppchen“), den Karmaausgleich (in „König Drosselbart“, „Schneewittchen“ und „Der Froschkönig“), über die Neutralisierung eines Fluchs (in „Dornröschen“ und „Die sieben Raben“), die Bitte um Vergebung (in „Die sieben Raben“), die Transformation niederer Energien (in „Das Nuss- zweiglein“ und „König Drosselbart“), bis nicht zuletzt durch das Vermögen der Hingabe und des Loslassens (in „Die Sterntaler“) eine Verschmelzung mit dem göttlichen (Christus-) Bewusstsein erreicht wird. Mit welchen Bildern auch immer die bekannten mitteleuropäischen Märchen die spirituelle Seelenarbeit eines jeden in Szene setzen, das Geschehen endet immer in der Erlösung, d. h. Heimkehr in die Einheit.