Sabine Kessler             Heilpraktikerin für Psychotherapie
 
Durch Unglück oder eigene Fehler entstandenes Seelenleiden kann der Verstand nicht heilen, die Vernunft wenig, die Zeit einiges, entschlossenes Tun hingegen alles.                                            nach J.W. von Goethe

Trollhaus

Schon wieder der! Der mit seinem lauernden Blick unter den wulstigen Brauen, mit dieser hündischen Ergebenheit. Zum dritten Mal läuft der mir heute über den Weg, mal inmitten einer Horde Gefolgsmänner, mal ganz allein in Personalunion, um mir seine vielseitigen und souveränen Auftritte zu demonstrieren: Sehen Sie mal, Herr Mack, wie beliebt ich bin und welchen Rückhalt ich in der Schülerschaft genieße! Aber ich kann auch alleine. Sie brauchen gar nicht zu glauben, dass Sie mich in irgendeiner Weise einschüchtern können. Lehrer wie Sie verspeise ich zum Frühstück!

Während der Hund solche Frechheiten in sich hineindenkt, grinst er mich extra hämisch an, natürlich nicht offen und ehrlich, sondern versteckt, aus dem Hinterhalt. Aber nicht mit mir! Solange ich ihn durchschaue und auf Abstand halte, wird er keinen Erfolg haben. Dabei nutzt es ihm gar nichts, dass sein Herr Vater im Förderverein mitmischt und von dort aus für eine demontierende Stimmung sorgt.

Überhaupt muss man immer auf der Hut sein. Wie letztens, als die 7b meinte, einen ihrer so überflüssigen wie lächerlichen Scherze treiben zu müssen. Die Biester haben doch tatsächlich Knallfrösche in der Türleiste platziert, die einen Höllenlärm veranstalten, wenn der nichtsahnende, wohlwollende Deutschlehrer die Tür hinter sich schließt. Das Gelächter der Klasse schallte noch viel durchdringender in meinen geschundenen Ohren als die Knaller. In solchen Momenten darf man jedoch unter keinen Umständen Schwäche zeigen. Knickt man vor der johlenden Meute an pubertierenden Monstern ein, so kommt dies einem Vernichtungsfeldzug gleich. Veni, ridi, destruxi. Ich kam, lachte und richtete zugrunde. Die Bengel wissen gar nicht, welch tiefe Wunden sie in eine Lehrerseele reißen können, dessen einwandfreie fachliche Qualifikation und hohe pädagogische Ideale auf diesem Wege auf dem Altar der Barbarei geopfert werden!

Es gibt Kräfte im Leben, die einen ständig nach unten ziehen. Will man den Kopf über Wasser halten, um nicht unterzugehen, so muss man beständig strampeln, Anstrengung leisten, sich selbst überwinden, kämpfen, und zwar an der Front. Wenn ich in die tumben Gesichter der Schüler sehe, schreit mich die Faulheit förmlich an. Wie leicht fällt es denen doch, sich mal gehen zu lassen, einfach mal in den Tag hineinzuleben, amöbenhaft, elastisch die Anforderungen des Tages zu ignorieren! Dolce far niente! Ha! Die spinnen, die Italiener! Welche Verblendung der Wirklichkeit! Früher oder später führte diese Haltung in den Untergang. Nur durch die Überwindungsarbeit lässt sich die Trägheit der Realität bändigen und ein Ausgeliefertsein verhindern. Nur durch Krafteinsatz wird die Persönlichkeit geschliffen und Kultur geschaffen. Wahrscheinlich ist sich kaum jemand dieser Tatsache so bewusst wie ich. Wie leicht ist es doch, dem Sog nachzugeben, erst gegen Mittag aufzustehen, ungewaschen und unrasiert die Fliegen im Haus zu zählen und die Last der Existenz einfach dem Rest der Steuerzahler zu überlassen. Diese Kraft zerrt unentwegt am Körper, am Geist, an der Seele. Was man daher auf keinen Fall machen sollte, ist in den Körper reinzuhorchen. Schon hat`s einen erwischt. Niemand kann sich der verneinenden Kraft der Schwere, des Schmerzes, der Enge entziehen. Immer drückt oder zieht es irgendwo, der Körper ist eine wandelnde Mogelpackung von Zellhaufen, ein beleidigendes Existenzvehikel, ein Mängelexemplar, das einen ständig auf Trab hält, weil es seine Bedürfnisse befriedigt haben will. Diesem Befriedigungs-streben nachzugeben hieße, der Natur ihr Recht zu lassen. Kultur bedeutet jedoch die Überwindung des Animalischen, des Faultierhaften im Menschen, besonders im jungen Menschen.

Aber was wissen diese Halbstarken schon davon! Deren Weltverständnis beschränkt sich auf die erpresserischen Methoden, wie sie Eltern und Lehrern das abringen können, was sie haben wollen. Kinder sind die Fleisch gewordene Dekadenz. Ihnen fehlt einfach die Einsicht. Daher muss gegen Verfall und Vernichtungstendenz durch Aufklärung und Anleitung zur Selbstzucht vorgegangen werden.

Das ist meine Hauptaufgabe. Und nun stehe ich vor der Klasse und sehe, wie sich 28 Heranwachsende über diesen Auswuchs an dionysischer Verfallssucht auf Kosten dessen, der ihnen in voller Aufopferungsbereitschaft die Augen öffnen will, scheckig lachen. Wer würde da nicht zusammenbrechen? Game over!

Und nun auch noch dieser Frechling Viktor. Der hat mir gerade noch gefehlt! Überraschend dreht er mir auf einmal den Rücken zu und schlurft betont lässig die Treppe runter.

Ich habe noch nie so viele Trolle auf einem Haufen gesehen!“, beklagt sich eine verbrauchte Kollegin über ihre Klasse, als ich das rettende Ufer des Lehrerzimmers erreiche. Sie kneift die blutleeren Lippen zusammen und schüttelt leicht ihren braun gefärbten Lockenkopf. „Die Aufnahmefähigkeit kann man nur mit der Diagnose ‚Intellektuelle Inkontinenz‘ beschreiben.“ „Schon wieder haben mehr als 10 Leute die Hausaufgaben nicht gemacht!“, tönt es entrüstet von der anderen Seite. Gerade habe ich mich mit einer Tasse dampfenden Kaffees an meinem Platz niedergelassen, da beugt sich der Kollege Hecht mit seinem altmodischen Schnurrbart und dem Raucheratem zu mir herüber und meint mit weinerlicher Miene, dass sich seine Unterstüfler zwar vortrefflich in Aufnahmetechniken von Selfie-Filmen auskennen würden, jedoch noch nie ein Museum von innen gesehen hätten. Er zieht Augenbrauen und Oberlippe nach oben, womit er sagen will, dass sowieso nichts mehr zu retten ist, und verschränkt in altschulmeisterlicher Manier die Arme vor der Brust, begleitet von einem tiefen Seufzer. Damit wäre mal wieder alles gesagt: Der Untergang des Abendlandes steht kurz bevor!

So viel Missmut ertrage ich nicht und begebe mich auf die Toilette. Endlich! Dieser vertraute Mief! Die Toilette ist der einzige Ort in der ganzen Schule, wo man mal kurzzeitig für sich sein kann, ohne unter permanenter Beobachtung zu stehen. Ständig steht man im Fokus, ständig will einer was von einem. Da haben wir es mal wieder: Die Bildungselite des Landes ist dazu verdammt, in die Abwässer der Gesellschaft zu flüchten. Aber wer sagt denn, dass die fiesen Schüler das Lehrerklo von ihren Verfolgungen aussparen? Viele neue Handys sind ja mit einem zusätzlichen Kameramodul ausgestattet, das, hinter dem Spülkasten versteckt, interessante Bilder liefern könnte, die am besten noch gleich ins Netz gestellt werden. So haben alle was davon. Was wäre das für ein Spaß für diese Biester! Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und suche die Kabine penibel nach geeigneten Verstecken ab. Wo haben sie’s versteckt? Es muss doch etwas zu finden sein!

Doch scheint mir nichts ungewöhnlich und der Blasendruck zum einen und die langsam einsetzende Atemnot zum anderen zwingen mich dann doch, den Ort zum vorgesehenen Zweck zu benutzen.

Was steht denn als Nächstes auf dem Stundenplan? Zuerst besagte furchtbare 7b, die nicht nur für meine regelmäßige Zerrüttung verantwortlich ist, sondern auch dafür, dass ich regelmäßig zur Pausenaufsicht zu spät komme, weil die Prinzen und Prinzessinnen den Klassenraum dem Schulhof als Pausenresidenz vorziehen und erst nach nachdrücklicher Aufforderung geruhen, ihren königlichen Hintern nach draußen zu bewegen. Anschließend mein Leistungskurs, in dem Viktors ältere Schwester sitzt, um, mich aushorchend, an ihren Bruder brühwarm die neuesten vernichtenden Eindrücke weiterzugeben: Der Pulli war zu kurz und geschmacklos mit der Hose kombiniert, die Stoppeln schlecht rasiert, die Äußerung über die Ambivalenz der Gottessehnsucht während des 30-jährigen Krieges war ziemlich daneben und die Aufgabe, die Selbststilisierung von Gryphius in seinem Gedicht herauszuarbeiten, in ihrem Anspruch völlig unangemessen. Die Häme in ihrer Stimme mit dem typischen heiseren Unterton tropft mir ins Ohr und verstopft mir den Gehörgang. Dabei trägt sie noch den Namen Viktoria. Ha! Die Eltern wollten wohl mit ihren Kindern ein Bollwerk des Sieges rings um die Lehrerschaft errichten. Ihren Kindern sollte nie beizukommen sein. Aber sie haben nicht mit mir gerechnet, der ihre hinterhältigen Attacken entlarvt. Ich sollte mal über eine öffentliche Anprangerung nachdenken. Zu unterrichten ist wie ein Stellungskrieg an der Front. Man kann nur vernichten oder wird vernichtet. Doch ich durchschaue ihre Machenschaften, ich werde nicht untergehen. Die werden sich noch wundern!

Es hat schon wieder zur Schlacht geläutet. Auf an die Front! Während des Spießruten- laufs auf dem Gang durch die Schwärme ziehe ich mir, wie regelmäßig, innere Blessuren zu durch die nadelspitzen Blicke, die klingenscharfen Bemerkungen und Gedanken. Die schmierige Klinke des Klassenraums ist rettender Anker und vernichtender Sargnagel zugleich. Ich ergreife sie und halte einen Augenblick inne: der Moment des letzten Atemholens, bevor die Überfälle und Gefechte auf Feindesseite beginnen. Es dauert eine endlose Minute, bis alle Kinder auf ihren Plätzen sitzen bleiben und mich wahrnehmen können. „Guten Moooorgen, Herr Maaaack!“, erschallt es im etwa zehnstimmigen Chor. „Setzt euch!“ Imperativ Plural. Mit der Grammatik waren die Spatzenhirne schon immer überfordert. Bevor alle sitzen, muss, um jedes Ablenkungspotential zu bannen, die Aufmerksamkeit sofort auf die Geisteszucht gelenkt werden. „Deutschbuch Seite 117 aufschlagen!“

Marion hat Versmaße und Reimschema längst verinnerlicht und beginnt sich den Nachbarn zuzuwenden. Wenn alle Schüler über eine derartige Denkfähigkeit verfügen würden, dann könnte man diese Schule auch wieder Gymnasium nennen. Aber das Gymnasium gibt es ja schon lange nicht mehr. Und wer ist schuld daran? Die Politiker mit ihrer lebensfernen Schulpolitik und letztendlich wir Lehrer allesamt, da wir diesen Affenzirkus auch noch mitmachen und es für ganz normal halten, alle Erwartungen zu erfüllen. Der Schüler geht heute nicht mehr in die Schule, um etwas zu leisten, nein, er geht in eine Bildungsagentur, um mit – je nach Geschmack – gaumengerechten Bildungshäppchen bedient zu werden. Und die Eltern haben den Dienstleistungs- gedanken selbstverständlich auch verinnerlicht, sodass als Verantwortlicher für die sich stetig zersetzende Arbeitshaltung der Schüler nur einer in Frage kommt, der entweder falsch beraten hat, zu wenig Aufmerksamkeit gespendet oder das Genie des Kindes gänzlich verkannt hat (natürlich würde sich herausstellen, dass heute jedes zweite Kind hochbegabt ist, wenn sich die ignoranten Lehrer nicht querstellen würden), wenn die Noten nicht stimmen oder der Sohnemann oder das Töchterlein mit dem Unterhaltungswert des Unterrichts nicht zufrieden sind: Müßig, überhaupt noch darauf hinzuweisen! Der Kollege hat Recht: Das Abendland ist im Untergehen begriffen!

Krampfhaft versuche ich mich auf die eben vorgetragenen Verse zu konzentrieren. „Wenn Gernhardts Gedicht mit einem Fehlreim endet, könnte welcher Zusammenhang mit dem Inhalt bestehen?“ Meine mäeutischen Bemühungen stoßen auf fragende bis gelangweilte Gesichter. Ein Stall voller Trolle würde intelligenter gucken. Es ist zum Wahnsinnigwerden! Unter meinen Achseln dehnen sich die Schweißflecken bis auf Tellergröße aus, mein Mund ist so trocken, als hätte ich gerade einen Schwamm verschluckt, der nach einem Putzeinsatz ein Kilo Kreide aufgesogen hat, um danach eine Woche in praller Sonne zu trocknen.

Der Unruhe in der Klasse ist irgendwie nicht mehr beizukommen. Max und Marion spielen das Spiel: Wer schafft es, dem anderen mehr Filzstiftstriche im Gesicht zu platzieren? Noch lachen sie und sind sich selbst genug. Doch ich sehe es schon kommen. So läuft es immer. Von einer Sekunde auf die nächste kippt die Stimmung, weil das Vorgehen des einen eine Idee zu forsch, weil der verabreichte Tatzenstreich einen Tick zu heftig war. Dann beginnt das lautstarke Schreien nach dem Lehrer, der dann auch mal in Erscheinung treten darf. Der Lehrer – eine verkannte und vernachlässigte Spezies, ein stetig gegen die Zerfleischung ankämpfender Gladiator, wahlweise auch mal gerne Sozialarbeiter, Therapeut, Eltern- oder Freundesersatz, Entertainer, Lebensretter, eine wandelnde Enzyklopädie, ein Bauchladenträger für Befindlichkeiten der Schüler. Was darf`s denn sein? Trost? Beschwichtigung? Information? Unterhaltung? Streicheleinheiten fürs Ego? Weltrettung? Habe alles im Angebot und erwarte natürlich keinerlei Dank. Wo früher Lehrer lehrten und Schüler lernten, wird heute auf der einen Seite bedient, auf der anderen konsumiert. Da ist eben nichts zu machen: Der Kunde ist König.

Auf einmal höre ich das erwartete Schreien, jedoch draußen auf dem Gang! Eine Reihe von jüngeren Schülern rennt kreischend die Treppe Richtung Schulhof hinunter. Mein Hals wird eng. Ich hasse diesen Beruf. Es ist eine Zumutung, in meinem fortge- schrittenen Alter ständig mit unvorhergesehenen Ereignissen klarkommen und bei vorschriftsgemäßem Verhalten auch noch eine gute Figur machen zu müssen.

Was ist denn mit der 7b los? Die scheinen sich die Haare gerauft und in lederhäutige Monster verwandelt zu haben. Ist das eine Riesenwarze an Monas Hals oder eine Pestbeule? Ich nehme mir die Brille ab und reibe mir die tränenden Augen. Nachdem ich sie wieder aufgesetzt habe, ist die Warze verschwunden. Aber dieser Geruch hier, wie im Raubtierkäfig! Mit einem Mal sind die Schreie auf dem Flur verebbt. Stattdessen höre ich schleifende Schritte und ein tiefes Grunzen. Grundgütiger! Wer oder was schickt sich da an, mich zu vernichten! Subjekt! Wer oder was erfragt das Subjekt. Verdorbene Subjekte sind sie alle miteinander, diese Abendländer!

Die Klassenzimmertür wird aufgerissen und ich taumle zurück vor Schreck. In der Tür steht ein hündisch lauernder, hämisch grinsender, wütender Troll.